Ein zusammengefasstes Interview mit O. Bruns (SWT- Institut Hamburg) und Dr. M. Sommer. Vorsitzender der BVSS

Reine Kopfsache
Von Anna Sophie Kühne
Etwa einer von hundert Menschen in Deutschland stottert. Im Erwachsenenalter ist die
Sprachstörung oft nur schwierig in den Griff zu bekommen. Inzwischen gibt es Therapieansätze
abseits der Logopädie. Sie sind nicht unumstritten – doch manchen Betroffenen helfen sie.
Für Jannik Kickler ist Joe Biden ein Vorbild. Nicht, weil Biden es geschafft hat, der mächtigste Mann
der Welt zu werden. Sondern, weil Biden es geschafft hat, trotz seines Stotterns der mächtigste
Mann der Welt zu werden. „Es hat nur was mit dem Kopf zu tun“, sagt Kickler und tippt sich an die
Stirn. Dank eines alternativen Therapieansatzes ist sein Stottern fast vollständig verschwunden.
Wie bei den meisten stotternden Menschen, begann Kicklers Redeflussstörung schon im
Kindergartenalter. Bis zu elf Prozent aller Kinder stottern, bei den Erwachsenen sind es knapp unter
einem Prozent. Bedeutet: Etwa 800.000 stotternde Menschen leben in Deutschland. Es sind etwa
viermal so viele Männer wie Frauen betroffen.
Viele Stotternde weisen eine genetische Prädisposition auf. Doch in der Familie Kickler stottert nur
Jannik. „Das Bewusstsein für meine Sprachstörung habe ich erst in der Schulzeit entwickelt“,
berichtet er. Auf dem Pausenhof war er eher ein Außenseiter. „Stottermaul“ nannte ihn ein
Mitschüler einmal. Bei einem Physikreferat in der achten Klasse stotterte er „jedes zweite Wort“:
die Aufregung, die erwartungsvollen Gesichter, ein Teufelskreis. Er entschuldigte sich im Anschluss
für sein Stottern. „Das ist so ziemlich das Schlimmste, was du machen kannst“, sagt Kickler heute.
„Stottern ist mit vielen Verletzungen und negativen Erfahrungen verknüpft“, erklärt Prof. Dr. Martin
Sommer, Neurologe und Vorsitzender der Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe e.V. (BVSS).
Sommer beschäftigt sich schon ein Leben lang mit dem Stottern – als Wissenschaftler und als
Betroffener. Er plädiert für die Abschaffung des Begriffs „Stotterer“: „Wir sprechen von
,stotternden Menschen‘“, erläutert er, „weil wir die Person nicht über ihre Behinderung definieren
wollen“. Viele stotternde Menschen litten unter sozialer Ausgrenzung und Mobbing.
Diskriminierungserfahrungen aufzuarbeiten, spielt für den Therapieerfolg eine wichtige Rolle, wie
Jannik Kickler gelernt hat. Als er im Teenageralter einen Logopäden besuchte, bat ihn dieser in der
zweiten Sitzung „einfach zu erzählen: Wer ich bin, was ich mache, warum ich hier bin“. Nach zwei
Minuten fing Kickler an, bitterlich zu weinen. „Da habe ich gemerkt, dass ich ein Problem habe, das
ich nicht länger verdrängen kann.“ Die Therapie zeigte Wirkung. Schon bald organisierte sein
Logopäde gemeinsame Sitzungen mit jungen Patienten, denen Kicklers Erfolge Zuversicht und
Motivation schenken sollten. Plötzlich war er ein Vorbild.
„Man kann das Stottern mit Logopädie sehr gut in den Griff bekommen“, bestätigt Prof. Dr.
Sommer. Die Betroffenen bekämen „Krücken“ an die Hand, die das flüssige Sprechen fördern. Dazu
gehören zum Beispiel Übungen für rhythmisches oder durchgebundenes Sprechen. Letzteres sei
vergleichbar mit „dem ‚legato‘ beim Spielen eines Instruments“. Auch Angst abzubauen, spiele für
den Therapieerfolg eine entscheidende Rolle. „Man kann sich das als Angsthierarchie vorstellen,
die man systematisch abarbeiten muss“, sagt Sommer.
Bei Kickler stehen Englisch sprechen und telefonieren in dieser Hierarchie weit oben. Und sie
gehören zum Alltag in seinem Vertriebsjob bei einem internationalen Unternehmen. Mit Beginn
seiner beruflichen Tätigkeit nahm das Stottern daher wieder zu. „Schon bevor ich den Hörer
abgenommen habe, wusste ich: Entweder stottere ich bei ‚Jannik‘ oder bei ‚Kickler‘.“ Irgendwann
sprach ihn sein Vorgesetzter darauf an. „Ich habe mich ertappt gefühlt“, gibt Kickler zu. „Stottern
ist immer auch mit Scham verbunden.“ Im Juni 2020 entschied er sich für einen fünftägigen
Intensivkurs am Speech-Work-Technic-Institut (SWT-Institut) in Hamburg. Kostenpunkt: 1500 Euro.
Die musste er, anders als bei der Logopädie, selbst aufbringen.
Sein Sprachtherapeut heißt Ole Bruns. Früher hat er selbst stark gestottert. Heute hilft er anderen
am SWT-Institut, das er vor rund 20 Jahren gegründet hat. Etwa 1300 Menschen hat er seitdem
therapiert, 75 Prozent von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Im Unterschied zur klassischen
Logopädie setzt Bruns auf Sprach- und Atemübungen aus dem Schauspielbereich. Viele Methoden
aus der Logopädie seien für den Alltag komplett unpraktikabel: „Beim Sprechen dauerhaft
rhythmisch zu klatschen und wie ein Roboter zu sprechen,“ – er schlägt die Hände zusammen –
„das kann nicht die Lösung sein.“
Kickler lernte bei Bruns, dass die Art und Weise, wie man spricht, kaum von Bedeutung ist. Auf sie
entfallen nur zehn Prozent der Wirkung des Gesagten: Mimik, Gestik, Inhalt – alles wichtiger. „Das
hat mir die Augen geöffnet.“ Am Ende des Seminars hielt er einen 15-minütigen Vortrag auf
Englisch. Er stotterte kein einziges Mal. „Das war schon ein heftiges Gefühl.“
Und doch ist die Sprachstörung nicht ganz überwunden, wie Bruns erläutert: „Man kann das
Stottern nicht heilen, das ist unmöglich“. Man merkt: Es ist ihm sehr wichtig, das zu betonen.
Anbieter von Intensivkursen stehen im Verruf, unrealistische Heilsversprechen zu machen. „Der
Ansatz mag für manche funktionieren, aber es sind gewiss auch Scharlatane darunter“, sagt der
BVSS-Vorsitzende Prof. Dr. Sommer. Er wünscht sich mündige Patienten, die „sich nichts
aufschwatzen lassen“ und Qualität, vor allem aber Nachsorge, in ihrer Behandlung einfordern.
„Das ist sehr wichtig, um die Übertragung des Erlernten in den Alltag zu begleiten.“ Bei
Stottertherapien sei das Rückfallrisiko sehr hoch. Das Verhältnis von Ole Bruns und der BVSS, in der
sich größtenteils Logopäden engagieren, ist laut Bruns nicht ungetrübt. Doch er hegt keinen Groll:
„Wir sind im Grunde derselben Meinung. Ich sage selbst, dass man viele Anbieter mit großer
Vorsicht genießen muss.“
An seinem Institut umfasst jeder Kurs eine einjährige Nachsorge, im Rahmen derer ein Teilnehmer
das Seminar kostenlos wiederholen oder eine Beratung in Anspruch nehmen kann. Das machen
laut Bruns 10 bis 20 Prozent. Jannik Kickler hat seit Abschluss seiner Therapie ein paarmal mit
Bruns telefoniert. „Gegen einen Rückfall hilft nur das konsequente Üben“, sagt der Institutsleiter.
Nach dem Intensivkurs sei der Patient sein eigener Therapeut und bestimme über den
Behandlungserfolg: „Entweder, man lässt sich gehen – oder man macht diese Übungen mit Stolz.“
Manchmal, in Stresssituationen, wird das Stottern bei Kickler wieder schlimmer. Er weiß, es ist viel
Disziplin gefragt, immer wieder. In diesen Momenten denkt er an Bruns Worte. Und an den Mann
im Weißen Haus.

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